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"... keine zusätzlichen Arbeitsplätze"

Interview mit Dr. Matthias Gather, Dekan des Fachbereiches Verkehrs- und Transportwesen und Professor für das Fachgebiet Verkehrspolitik und Raumplanung an der Fachhochschule Erfurt.

Frage: Sie haben Zusammenhänge zwischen dem Bau von Autobahnen und der Schaffung von Arbeitsplätzen bzw. der regionalen wirtschaftlichen Entwicklung untersucht. Könnten Sie die Ergebnisse in drei Sätzen zusammenfassen?

In den alten Bundesländern herrscht unter den Raumplanern schon seit einigen Jahren Einigkeit, dass die regionalwirtschaftlichen Effekte von weiteren Autobahnen kaum nachweisbar sind. Insbesondere in strukturschwachen Räumen entstehen mit dem Bau von Autobahnen keine zusätzlichen Arbeitsplätze. Aus meinen aktuellen Studien, aber auch aus denen vieler Kollegen, lassen sich diesbezüglich keine Zusammenhänge ableiten. In strukturschwachen Räumen, so haben die Analysen gezeigt, wirken sich Autobahnen tendenziell positiv auf die Produktivitätsentwicklung aus. Zusätzliche Arbeitsplätze entstehen jedoch nicht.

F.: Welche Faktoren haben sich im Rahmen Ihrer Untersuchung als für die regionale Entwicklung entscheidend herauskristallisiert?

Der Autobahnbau allein bewirkt kein dauerhaftes Wachstum in der Fläche, sondern vor allem Umstrukturierungen in den betroffenen Regionen. Für die Ansiedlung von Unternehmen ist die Nähe zu den Agglomerationskernen entscheidend. Wachstumsbranchen wie die Automobilindustrie, Kommunikation, Online-Handel oder neue Dienstleister ziehen nicht irgendwo auf die grüne Wiese am Betonband, sondern in die Nähe der Absatzzentren. Darüber hinaus locken vor der Infrastrukturausstattung vor allem andere Faktoren wie etwa das Arbeitskräfte- und Bildungspotential, Lohnniveau oder Förderquoten. Die Entscheidungen von Porsche und BMW für Leipzig sind klassische Beispiele dafür.

F.: Welche Perspektiven ergeben sich für die regionale Wirtschaft in einem ländlichen Raum durch den Bau von Autobahnen?

In erster Linie kommt es zu einer stärkeren Differenzierung in den Regionen. Heimische Unternehmen ziehen, wenn sie darin einen Vorteil erkennen, aus dem Hinterland an die Autobahn. Ein Nettoüberschuss an Investitionen ist für größere Gebiete um die Fernstraßen aber nicht nachweisbar. Von Ausnahmen abgesehen, ergibt sich auch bei der Beschäftigung ein Nullsummenspiel: Statt Zuzügen von Unternehmen dominieren Umzüge.
Es ist eine Chimäre zu glauben, mit dem Bau der Autobahn siedeln sich externe Unternehmen an. In den autobahnerschlossenen Regionen werden die Unternehmen und Beschäftigten stattdessen einem verstärkten Wettbewerb ausgesetzt, von dem starke Unternehmen profitieren können, schwache aber in ihrer Existenz bedroht werden.
Wachstum muss aus der Region kommen, nicht in die Region.

F.: Sie verweisen auf Studien der vergangenen zwei Jahrzehnte, die Ihre Ergebnisse mehrheitlich stützen. Worauf gründen die politischen Entscheidungen für einen weiteren Ausbau des Autobahnnetzes in Deutschland?

Da werden einige hundert Millionen Euro investiert, mit sehr hohen kurzfristigen Effekten für die örtliche Bauindustrie. Diese Wirkung ist unbestritten.
Hinsichtlich der Langfrist-Effekte geht es aber auch um einen Placebo-Effekt. Die IHKs fordern: "Tut was für uns". Und die Politik weiß keinen anderen Rat, als in die Straßeninfrastruktur zu investieren, um wirtschaftliche Probleme in den Regionen zu lösen. Irgendwann ist die Autobahn fertig, doch die meisten Strukturprobleme hat man dadurch nicht behoben. Die Politiker brauchen sich aber zumindest nicht mehr vorwerfen zu lassen, untätig gewesen zu sein.
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